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Daniel Libeskind über das MUSICON BREMEN

Es stellt eine große Herausforderung dar, ein bedeutendes Konzerthaus zu planen, das in einem historisch empfindlichen Kontext stehen wird. Weil die Aufgabe auch auf kulturelle Veränderungen in der Aufführungspraxis, Zuschauerbeteiligung und städtische Erneuerung reagieren soll, gewinnt das Musicon Bremen außerordentliche Signifikanz. Alle Faktoren müssen zudem in einem neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhang der Nutzung und des Stadtlebens verstanden werden.

 

Förderkreis  
Schnitte

 MUSICON

 

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 MUSICON (Modell)
 Foto: Benny Chan

 


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 MUSICON (Modell)
 Foto: Benny Chan

 

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 MUSICON (Modell)
 Foto: Benny Chan

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 MUSICON (Modell)
 Foto: Benny Chan

 

 



Die Idee des MUSICON BREMEN

Die Schaffung eines neuen urbanen Raumes um ein bedeutendes Konzerthaus für Bremen dient als Auftakt zum 21. Jahrhundert. Inmitten von dynamisch und mannigfaltig genutzten Stadträumen entsteht mit dem MUSICON BREMEN eine neue Vorstellung von musikalischem und urbanem Raum, der weder ökologische noch kulturelle Aspekte vernachlässigen darf. Aus einem Raum der Partizipation erschließen sich vielfältige Nutzungen, unter Wahrung größter Flexibilität, und integrieren die spezielle Musikkultur mit dem städtischen Leben und der Natur. Als neuer Schwerpunkt der Freizeit, Anregung und Urbanität, wird das MUSICON BREMEN die Stadt Bremen entscheidend bereichern.

 

Urbane Strategie

Kraft seiner Geometrie schafft das MUSICON eine organische Verbindung zwischen seiner städtischen Lage - die sowohl Bauwerke wie offenes Gelände umfaßt - und seinen spezifischen Funktionen. Die Entwurfsstrategie beabsichtigt, den Baukörper innen wie außen für wesentliche Neuerungen vorzubereiten, derart, daß z.B. das Erdgeschoß des Gebäudes flächenmäßig reduziert, aber als Verbindungszone weitgehend zur Parkanlage geöffnet werden kann, um Sonnenlicht, Wasser und Landschaft Spielraum zu gewähren. Der öffentliche Raum bereichert sich durch die Ausstrahlung des MUSICON, und das Gebäude nimmt Dimensionen seiner städtischen Umgebung aktiv in sich auf. Einerseits ist es wichtig, das MUSICON in die Stadtlandschaft einzubetten, andererseits muß die Zerstörung und Abspaltung öffentlicher Räume, die sich bei Großbauten allenthalben einstellt, unbedingt vermieden werden. Der Erfolg des neuen Gebäudes kann aber ebensowenig durch bloße Diskretion seiner Erscheinung errungen werden, er hängt vielmehr davon ab, ob die kaum noch sichtbaren, vernachlässigten oder auch ausgetretenen Verbindungspfade und Achsen innerhalb der Stadt und Region sinnvoll mit dem MUSICON verknüpft werden können.

 

Städtische Rolle

Als städtisches Herzstück muß das MUSICON dem Tag- und Nachtrhythmus der Stadt gewachsen sein. Ihm fällt die Rolle zu, die verschiedenen, historisch unterschiedlichen Stadtteile Bremens auf einen Ort zu bündeln. Deshalb nimmt sein Ort den doppelten Charakter mehrfacher Passagen und Zielpunkte an. Er verknüpft im wesentlichen vier Bereiche: den Bürgerpark (im Osten), den Bahnhof (im Süden), die Bürgerweide (im Westen) und die Stadthalle mit ihrem Parkgelände (im Norden). In seiner Doppelrolle vermag das MUSICON zugleich als Foyer für seine Säle und als Zentrum für die öffentlichstädtische Kultur dienen.

In der Stadttopographie bekräftigt das MUSICON die Bedeutung der Nordflanke des Bahnhofes, dessen vages Vorgelände damit Konturen annimmt, die dem historischen Stadtkern Bremers gerecht zu werden vermögen. Der Schlüssel zur stadtweiten Wirkung des MUSICON liegt in seiner erneuten Aktivierung der lange vernachlässigten (weitgehend nur noch virtuellen) Verbindung zwischen Bahnhof, Stadtwald, Bürgerpark, Stadthalle und Bürgerweide. Gemäß unserem Konzept entstände, statt weiterer Unterbrechungen, ein ganzes Netz neuer städtischer Bezüge, die auch den bestehenden Gebäuden und traditionellen Funktionen einen erhöhten Wort verleihen. Um hohen Nutzen aus dem menschlichen Maßstab und der Vielfalt von Funktionen zu ziehen, erfordert die Fußgängerebene Priorität. Zugänglichkeit bedeutet aber nicht nur verkehrstechnische Erschließung, sondern auch Integration der Musik in die Öffentlichkeit und Einbindung des Besonderen in das Allgemeine.

 

Offene Räume

Der offen durchfließende Raum erweitert das Parkgelände einerseits zum Bahnhof hin und andererseits gegen die Universität, so daß sich im Bereich zwischen dem Klangbogen und der Parabole der Gustav-Deetjen-Allee ein Wechselfeld zwischen Ying und Yang eröffnet. Dieser Bereich, der in der Diagonale zwischen dem MUSICON und der Stadthalle, und im rechten Winkel zwischen dem Bahnhof und dem Park Hotel abgesteckt wird, soll durch eine Reihe kleinerer Eingriffe aus seiner Passivität gehoben werden: Unter anderem durch neue Begrünung, Freilegung von Bodenflächen, Anlage von Spazier- und Radwegen, Errichtung eines Pavillons, eines Brunnens und eines Kinderspielplatzes. Wie Triller und musikalische Verzierungen nehmen diese Parkanlagen den Rhythmus der Tram- und Eisenbahnen, des Verkehrs und der Fußgänger in die Partitur des Stadtlebens auf.

Ein starker Akzent fällt auf die Ecke Gustav-Deetjen- und Theodor-Heuss-Allee: Das Musicongebäude entbietet den ankommenden Bahnreisenden sein Willkommen, nicht nur zur Konzerthalle, sondern zur Stadt und dem nahen Parkgelände überhaupt. Gegen Westen wendet sich das Musicon aber auch der Bürgerweide und den dort traditionell stattfindenden Veranstaltungen zu, während es auch mit der Stadthalle und der Grünzone im Nordwesten eine lebendige Verbindung herstellt.
Insgesamt verstrebt das Musicon die funktional und atmosphärisch unterschiedlichen Stadtbereiche (Bahnhof und Park; Kommerz und Wohnen; Neu und Alt) und macht sich zum Ort ihrer lebendigen Durchdringung und Verdichtung.

 

Gebäudetypologie

Die Gebäudetypologie des MUSICON BREMEN wird bestimmt durch

a. die zentrale Bedeutung musikalischer Aufführungen und Erfahrungen,
b. den öffentlichen Charakter des Gebäudes, auch für diejenigen, die nicht notwendigerweise ein Konzert besuchen,
c. die städtische Verbindung mit der Stadthalle und der Bürgerweide,
d. die "magnetische" gegenseitige Anziehungskraft zwischen Musicon und historischer Stadt und
e. die Verknüpfung von Vergangenheit und Zukunft.

Das Gebäude nimmt die Grundform eines "Kastens" an, der in und durch sich vielfältige Verbindungen (mit der Stadt) und Nutzungen (im musikalischen und öffentlichen Bereich) vereinigt.
In den konkreten Begriffen des Bauprogramms heißt das

1. die öffentlichen Zugänge und Läden liegen im Erdgeschoß,
2. der diagonale "grüne Verbindungstrakt" bildet die weiteste Erstreckung des Baues in sein Gelände,
3. Anlieferung, Besucherverkehr und die Handelsgeschäfte werden ihrerseits als Teile des Musiklebens aufgefaßt und inszeniert,
4. das "schwebend" erscheinende Auditorium setzt das Erdgeschoß frei und bildet ein Dach über dem festlichen Foyer.

 

Zirkulation und Verbindungen

Das Erschließungskonzept beabsichtigt allseitiges Hinlenken aus den öffentlichen Bereichen auf die spezialisierten Aufführungsräume. Das MUSICON BREMEN beruht auf einem offenen Grundriß mit mehrseitigen Eingängen und klar erkennbaren Räumen, die dem ganzen Baukörper einen einladenden, zugänglichen und transparenten Charakter verleihen. Die verschiedenen Zwischenebenen heben sich vom Erdgeschoß ab und bieten weiteren Foyers, Buch- und Musikalienläden, Kinderaufenthaltsräumen, Ausstellungsflächen, Übungs- und Musikerzimmern und einem Restaurant der "hängenden Gärten" Platz. Dem Auditorium und seinen Dependenzen ist das Obergeschoß vorbehalten. Auf Behinderte wird ebenso Rücksicht genommen, wie den besonderen Erfordernissen orchestraler Praxis mit gesonderten Zugängen Rechnung getragen wird.

 

Aufführungspraktische Erwägungen

Räumlich und funktional verwirklicht das MUSICON folgendes Konzept:

a. unterschiedliche Aufführungen können simultan durchgeführt werden,
b. die zentrale Orchesterbühne kann leicht und rasch erreicht und umgewandelt werden,
c. für jede Art von Aufführung können die erwünschte technische Qualität und Sitzanordnung erreicht werden.

Das MUSICON BREMEN ist so angelegt, daß es auf die vielfältigsten Ansprüche zu reagieren und unterschiedliche Erwartungen zu erfüllen vermag. Bei konventioneller Bestuhlung bietet es 2.500, bei einer Verbindung von Sitz- und Stehplätzen bis zu 3.200 Zuhörern Platz. Einer low-tech Lösung bei der Änderung der Bestuhlungen steht nichts im Wege. Das MUSICON ist in jeder architektonischen und aufführungspraktischen Hinsicht auf zukünftige Veränderungen vorbereitet, ohne deshalb den traditionellen Kriterien und Erwartungen Abbruch zu tun.

Es gehört zu den Aufgaben eines solchen Gebäudes, den jeweils unterschiedlichen Anlässen angemessene Räume und Nebenräume bereitzustellen, damit eine günstige Entsprechung zwischen der baulichen Umgebung und der Natur der Veranstaltungen entstehen kann. Die unterschiedlichen Foyers ermöglichen diese graduelle Abstimmung und sie vermitteln auch zwischen der relativen Abgeschlossenheit der Musiksäle und der breiteren Öffentlichkeit der Stadt.

Die separaten Parkplätze und Zugänge für Musiker und Personal bilden einerseits eine "Welt für sich", sind aber andererseits voll in die Welt des Musicons integriert. Depots, Werkräume und Frachtzufahrt werden funktional klar von den öffentlichen Bereichen getrennt, tragen aber durch ihre visuelle Erscheinung (in Form von Aufzügen, Hebemechanismen, Arbeitsgängen) zur Attraktivität und zum festlichen Charakter des Musicons bei. So setzen die einzelnen Funktionsbereiche (B-A-C-H) ihren Kontrapunkt zur einheitlichen Versammlung der zwei- oder dreitausend Konzertbesucher.

Daniel Libeskind
1996

 

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